„Die Rolle der EU ist zwiespältig“

Der Gipfel von Durban hat den Klimaschutz kaum vorangebracht. Dabei spüren Landwirte die Folgen bereits, sagt der Bio-Bauer und EU-Abgeordnete Martin Häusling. // Stephan Börnecke

-> zur Printfassung des Interviews

Martin Häusling ist Bio-Bauer und seit 2009 auch Europaabgeordneter der Grünen. Er betreibt in Nordhessen einen 75-Hektar-Hof mit 60 Milchkühen.

Herr Häusling, Sie betreiben neben Ihrer Arbeit als Europaabgeordneter der Grünen einen 75-Hektar-Hof in Nordhessen, und zwar nach Bioland-Richtlinien. Spüren Sie auf Ihrem Kellerwaldhof bereits den Klimawandel? Mussten Sie den Landbau bereits deshalb verändern?

Eindeutig. Man spürt es. Die Vegetationsperiode hat sich verlängert, sowohl im Frühjahr wie im Herbst merken wir das. Was mir aber die meisten Sorgen macht, das ist die immer häufigere Trockenheit im Sommer, auf die dann Starkregen folgt und in einer halben Stunde 20 Liter Regen runterkommen. Das hatten wir zweimal in diesem Jahr, dazu – was ich bisher in meinen 30 Jahren als Landwirt überhaupt nicht kannte – Hagel im September.

Wie gehen Sie damit um?

Wegen der gehäuften Trockenphasen wird der Grünlandertrag unsicherer, deshalb bauen wir jetzt mehr Luzerne an. Die wurzelt tiefer als Klee oder Gras.

Was aber droht der Landwirtschaft in Deutschland, wenn es zwei, drei Grad wärmer wird? Wird ein solcher Effekt unsere Ernährung verändern?

Zwei, drei Grad, das hört sich harmlos an, denn dann wird es ja bei uns in Nordhessen nur so warm wie heute in Freiburg. Das Problem ist nicht unbedingt die Erwärmung, sondern das sind die Extremwetterlagen, die mit dem Klimawandel einhergehen. Extreme Trockenheit, Frost nach den Eisheiligen, Unwetter, Hagel, das wird uns das Leben schwer machen, weil es zunehmen wird. Bestimmte Regionen werden Totalausfälle haben, das wird kommen, aber wohl kaum, dass die gesamte Ernte in Deutschland ausfällt. Das nicht.

Weltweit betrachtet ist der Klimaschutz ins Hintertreffen geraten, der Klimagipfel von Durban hat das Problem mehr oder weniger vertagt. Offenbar spielt Klimaschutz eine echte Rolle nur noch in der EU sowie einigen Schwellenländern.

Die Rolle der EU ist zwiespältig. In den ersten Jahren nach Kyoto haben wir die Klimaziele doch nur durch den Untergang der Industrie in Osteuropa erreicht, und auch jetzt sieht es in der Folge der Finanzkrise kaum anders aus. Die Klimaziele wurden nicht durch eine konsequente Politik erreicht, sondern durch eine schwache Wirtschaftslage. Beim Verkehr geht es sogar in die andere Richtung.

Bei der Windkraft oder Solarenergie gilt der Standort D als führend. Trifft diese Vorreiterposition im Klimaschutz auch auf die Landwirtschaft hierzulande zu?

Die Landwirtschaft wird immer als positiver Beitrag gegen den Klimawandel angesehen, weil Landwirtschaft durch den Anbau Kohlenstoff speichert, weil auf dem Land die erneuerbaren Energien erzeugt werden und weil die Erzeugung von Biogas dort stattfindet. Das wird automatisch der Landwirtschaft angerechnet. Das hat aber mit dem System Landwirtschaft nichts zu tun. Tatsächlich hat sich beim Klimaschutz in der Landwirtschaft praktisch nichts getan.

Und der Bio-Landbau zählt nicht?

Man kann Klimaschutz in der Landwirtschaft nicht an fünf Prozent Öko-Landbau festmachen, auch wenn diese Form der Landbewirtschaftung natürlich eine Lösung im Klimaschutz ist.

Inwiefern?

Weil der Bio-Landbau den Humusaufbau stark im Blick hat. Er bindet dadurch Kohlenstoff, und zwar im Gegensatz zum konventionellen Landbau, der Humus zehrend wirkt. Außerdem setzen wir auf Kreisläufe, verzichten auf Soja-Futter-Importe, wenngleich wir auch nicht zum Pferd zurückkehren, um den Schlepper zu ersetzen.

Auf Ihrem Biohof grasen 60 Milchkühe und 30 Rinder. Das Rind aber gilt doch als Klima-Killer. Wie verträgt sich das?

Das ist eine Mär. Rindviecher hat es immer gegeben. Das Problem ist ein anderes: In der heutigen konventionellen Landwirtschaft machen wir die Kuh zum Schwein, wenn wir Rinder statt mit Gras nun mit Import-Soja und Mais füttern. Beides hat sehr schädliche Auswirkungen auf das Klima. Die Kuh selbst ist nicht das Problem. Sonst müssten wir ja auch etwas gegen Gnus in der Serengeti machen, das ist absurd. Es ist allein eine Frage, wie man Rinder hält und ernährt, nicht die Kuh an sich.

Die Grüne Jugend sieht das anders: In Nordrhein-Westfalen gibt es auf Veranstaltungen des Parteinachwuchses nur noch vegane Kost, also nicht einmal nur vegetarisch, und zwar weil die Grüne Jugend die Tierhaltung weltweit für „eine der größten Umweltbedrohungen“ hält. Die Tierhaltung sei eine der maßgeblichen Triebkräfte (driving forces) bei Entwaldungen, Bio-Diversitätsverlusten und Bodendegradationen. Sie verschärfe Wasserprobleme, bedrohe das Klima. Stimmt’s?

Ich finde es gut, wenn sich die Grüne Jugend darüber Gedanken macht. Aber sie schießt übers Ziel hinaus. Wir wollen aus Gründen des Bio-Diversitätsschutzes das Grünland erhalten, in den Bergregionen können wir das Land auch kaum anders nutzen. Das muss man den Menschen erklären. In der Regel gehört beim Bio-Landbau die Tierhaltung wegen der Kreislaufwirtschaft dazu, denn wir steigern die Bodenfruchtbarkeit durch tierischen Dünger.

Eine der angeblichen Antworten auf Ressourcenverschwendung und Klimawandel ist die Erzeugung von Pflanzensprit und Biogas. Gibt es die Konkurrenz zwischen Tank und Teller?

Die Vorgabe der EU, zehn Prozent des Benzins vom Acker zu holen, ist unsinnig und auch nicht machbar. Anders sieht es aus, wenn wir Pflanzenöl erzeugen, um etwa den Schlepper damit zu betanken. Das hat Sinn, nicht aber, um den Individualverkehr damit zu betreiben. Dazu haben wir weder die Flächen, noch ist der Anbau dafür umweltfreundlich. Hinzu kommt, dass wir das meiste importieren, als Soja- oder Palmöl, dafür aber werden Regenwälder abgeholzt. Wir verlagern damit lediglich die Probleme in die Entwicklungs- und Schwellenländer. Ähnlich beim Biogas. Statt, wie einst praktiziert, Reststoffe wie Gülle in die Anlagen zu stecken, kommt Mais rein. Das hat in einigen Regionen das Erträgliche überschritten, wenn 20 Prozent des Landes in Maisäcker verwandelt wurden.

Eine Folge abstruser Förderpolitik?

Ja, aber das kann man sofort ändern, indem man die Förderkriterien ändert. Das größte Übel sind die industriellen Anlagen, die Anlagen der Pioniere aber unwirtschaftlich werden, weil man ihnen die nötige Förderung entzieht.

Der heimische Bio-Landbau hat zwar in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugelegt, doch wir müssen immer mehr Bio-Lebensmittel importieren. Was muss geschehen, damit mehr Bio aus Deutschland kommt?

Die biologische Landwirtschaft arbeitet überwiegend in den benachteiligten Regionen, denn in den bevorzugten Lagen kann man mit konventionellem Landbau mehr Geld verdienen als mit Bio. In der Wetterau zum Beispiel, einer der Toplagen in Deutschland, bringt der intensive Anbau von Weizen oder Zuckerrüben mehr Geld als der Bio-Landbau. Es ist nun mal nicht so, dass die Bio-Landwirtschaft generell mehr verdient. Sie tut das nur, weil sie in der Regel besser vermarktet. Die höheren Gewinne der biologischen Landwirtschaft entstehen nicht auf dem Acker, sondern im geschickteren Verkauf der Produkte. Hinzukommt, dass Länder wie Schleswig-Holstein den Bio-Landbau nicht mehr fördern. Prompt geht der Anteil der Bio-Landwirtschaft dort zurück. Dort aber, wo es Unterstützung in der Vermarktung gibt oder zum Beispiel Bio-Molkereien gefördert werden, geht es bergauf. Das gilt auch für die Vermarktung von Gemüse. Es geht also nicht darum, pro Hektar mehr Geld zu bekommen, sondern man muss dafür sorgen, dass die Vermarktung stimmt. Zudem sollte man stärker auf den Regionalbezug achten, wie auch der Bio-Skandal um italienische Bio-Waren zeigt.

Nun werden sich deutsche Bauern schwertun, Orangen, Zitronen oder Olivenöl zu liefern.

Sicher geht es ohne Importe nicht. Aber leider verlangen auch viele Bio-Kunden inzwischen Erdbeeren rund ums Jahr. Die kommen dann eben aus dem Süden. Ich wünsche mir etwas mehr Sensibilität vom Kunden, denn er sollte auch die Folgen bedenken. Er wird immer Abstriche bei der Qualität machen müssen, wenn die Bio-Früchte über den halben Kontinent transportiert werden. Je globaler das System wird, je anfälliger wird es für Betrug. Man kann einfach nicht mehr garantieren, dass dann in einer globalisierten Bio-Welt stets die europäischen Qualitätsansprüche eingehalten werden. Das ist das Risiko, das wir uns damit einkaufen. Sicher geht es ohne Importe nicht. Aber leider verlangen auch viele Bio-Kunden inzwischen Erdbeeren rund ums Jahr. Die kommen dann eben aus dem Süden. Ich wünsche mir etwas mehr Sensibilität vom Kunden, denn er sollte auch die Folgen bedenken. Er wird immer Abstriche bei der Qualität machen müssen, wenn die Bio-Früchte über den halben Kontinent transportiert werden. Je globaler das System wird, je anfälliger wird es für Betrug. Man kann einfach nicht mehr garantieren, dass dann in einer globalisierten Bio-Welt stets die europäischen Qualitätsansprüche eingehalten werden. Das ist das Risiko, das wir uns damit einkaufen.

Quelle: http://www.schrotundkorn.de/2012/201202m04a.php

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