Klimaticker – Wundermittel

Wär doch super, wenn es ein paar Wundermittel gäbe um das CO2 auf wundersame Weise wieder loszuwerden…

Wundermittel CO2-Speicherung?

Die Energiewirtschaft hat eine neue Idee in die Debatte um den Klimaschutz gebracht, um ungehindert weiter Kohlekraftwerke betreiben zu können: Aus den Kohlekraftwerken soll das Kohlendioxid (CO2) abgeschieden, gereinigt, getrocknet, komprimiert, transportiert und im geologischen Untergrund langfristig sicher gelagert werden.

http://www.greenpeace.de/themen/klima/klimawandel/artikel/wundermittel_co2_speicherung/

Greenpeacer stellt eine Reihe von Protestschildern am Straßenrand entlang der Zufahrt zur Baustelle des neuen Kohlekraftwerkes in Neurath auf.

  • Greenpeace stellt eine Reihe von Protestschildern am Straßenrand entlang der Zufahrt zur Baustelle des neuen Kohlekraftwerkes in Neurath auf.

Die Betreiber sprechen gerne von “CO2-freien” Kohlekraftwerken. Der Name führt bewusst in die Irre. Durch die neue Technik der CO2-Verpressung fällt nicht ein Gramm weniger Kohlendioxid an bei der Kohleverfeuerung an. Ganz im Gegenteil wird sogar erst einmal mehr CO2 produziert, denn die Abscheidung von CO2 in einem Kraftwerk ist sehr energieintensiv, und noch mehr Kohle muss für die Bereitstellung der dafür notwendigen Energie verbrannt werden. Verbunden damit nehmen auch die Umweltschäden durch den verstärkten Bergbau weiter zu.

CO2-freie Kohlekraftwerke gibt es nicht.

Bei der Verbrennung fossiler Energien wie Kohle und Gas entsteht CO2, das weder vor noch nach dem Verbrennungsprozess komplett aufgefangen werden kann.

Eine Restmenge CO2 wird weiterhin in die Atmosphäre entweichen und zum Klimawandel beitragen: Je nach Kraftwerksart zwischen 60 und 150 Gramm Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde Strom (gCO2/kWh) (1). Noch schlechter wird die Bilanz, betrachtet man die gesamte Prozesskette vom Kohleabbau, über das Kohlekraftwerk bis zum CO2-Speicher. Bis zu 276 gCO2/kWh belasten weiterhin die Atmosphäre. Das CO2 soll nur nicht mehr komplett in die Atmosphäre entlassen, sondern in den Untergrund gepumpt werden. Der CO2-Müll müsste dann über Jahrhunderte aufwändig überwacht werden, ähnlich wie bei der Endlagerung von Atommüll.

CO2-Speicherung kommt zu spät, um das Klima zu retten.

In Deutschland muss in den kommenden zehn Jahren etwa die Hälfte des Kraftwerksparks wegen Überalterung erneuert werden. CO2-abscheidende Kraftwerke befinden sich noch in der Entwicklung und könnten frühestens in 15 bis 20 Jahren kommerziell zur Verfügung stehen. Ob und wann die Technologie überhaupt jemals in größerem Maßstab eingesetzt werden wird, ist noch völlig offen. Die Kosten sind immens, die Stromkosten könnten sich leicht verdoppeln.

Die größte CO2 Quelle Europas , das Rheinische Braunkohlerevier, liegt in Nordrhein-Westfalen, hier im Bild: Braunkohletagebau Garzweiler. Zwischen Aachen,  Düsseldorf und Köln...

  • Die größte CO2 Quelle Europas , das Rheinische Braunkohlerevier, liegt in Nordrhein-Westfalen, hier im Bild: Braunkohletagebau Garzweiler. Zwischen Aachen, …

Vattenfall errichtet derzeit eine kleine 30 Megawatt-Pilotanlage mit Oxy-Fuel-Technologie am Standort Schwarze Pumpe in Brandenburg. Wo das CO2 gespeichert werden soll ist noch völlig unklar. RWE hat für 2014 den Bau eines 360 Megawatt-Kohlekraftwerks mit integrierter Kohlevergasung und CO2-Abscheidung angekündigt. Ende Februar 2007 begann das GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ) in Potsdam erst mit den Bohrarbeiten für den ersten unterirdischen CO2-Testspeicher in Ketzin. Bis 2009 sollen hier 60.000 Tonnen CO2 in 700 Metern Tiefe gespeichert werden. Hierfür wird man aber noch kein Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken verwenden können. Das benötigte CO2 muss für den Forschungszweck eigens in Labors erzeugt werden.

Das heißt: Bis zum Jahr 2020 leistet die Technologie der CO2-Abscheidung und -Verpressung keinerlei Beitrag zum Klimaschutz. Die Technologie hilft uns nicht dabei, unsere CO2-Emissionen in Deutschland bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren, was dringend notwendig ist. Umsonst wird es die CO2-Speicherung (englisch: carbon capture and storage = CCS) auch nicht geben. Hohe Investitionen sind für die Entwicklung und Anwendung dieser Technologie notwendig, die die Verbraucher tragen müssen. Statt dessen wird die CCS-Technologie heute als Ausrede für den Bau neuer Kohlekraftwerke missbraucht, die das Klima weiter zerstören.

Wohin mit dem Kohlendioxid?

Das im Kraftwerk beim Verbrennen von Kohle aufgefangene CO2 muss irgendwo untergebracht werden. Das Problem wird – wie bei Atomstrom – nicht vermieden sondern nur verlagert. Die Speicherkapazität in Deutschland ist gering. Leere Öl- und Gasfelder sind als Speicherplatz in der Diskussion, sie werden allerdings auch als Erdgasspeicher genutzt. Höhere Speicherpotenziale gibt es theoretisch in Salzwasser führenden, unterirdischen Gesteinsformationen (sogenannte „salinare Aquifere“). Hier besteht die Gefahr der Verunreinigung von Grundwasser, die Bohrungen sind teuer, und die Nutzung geothermischer Energie wird behindert.

Die Speicherung von CO2 wäre auch in tiefen salinaren Aquiferen unter der Nordsee denkbar. Dagegen sprechen in Deutschland aber ebenfalls Sicherheits- und Umweltrisiken und hohe Kosten: Kohlekraftwerke befinden sich überwiegend in Nordrhein-Westfalen und im Osten Deutschlands, die Transportwege für das abgeschiedene KOhlendioxid an die Nordsee wären extrem weit. Stillgelegte Salz- und Kohlebergwerke und tiefe Kohleflöze kommen wegen hoher Sicherheitsrisiken für die CO2-Speicherung überhaupt nicht in Frage.

Grafik, die das Prinzip der CO2-Abscheidung und -Speicherung veranschaulicht.

  • Grafik, die das Prinzip der CO2-Abscheidung und -Speicherung veranschaulicht.

Risiken der Lagerung von CO2 im Untergrund

Leere Öl- und Gasfelder haben ein Problem: Sie haben viele Löcher durch die vielen Bohrungen während der Erkundungs- und Produktionsphase von Öl und Gas. Diese Löcher müssen versiegelt werden. Dafür werden üblicherweise spezielle Zemente benutzt. Diese Zemente sind nicht resistent gegen Kohlensäure. Kohlendioxid bildet in Verbindung mit Wasser eine Säure und greift Metalle oder Zemente an. Alte, mit Zement versiegelte Bohrlöcher stellen somit ein Sicherheitsrisiko dar, denn hier könnte das CO2 zurück an die Oberfläche gelangen.

Pumpt man CO2 in salinare Aquifere, werden die dort enthaltenen Salzwässer verdrängt. Weit entfernt vom Speicherort könnten diese salzhaltigen Wässer, ebenso wie CO2, entlang von Störungszonen aufsteigen und das Grundwasser verunreinigen.

Kohlendioxid ist im Vergleich zu Erdgas nicht brennbar und nicht giftig, doch birgt ein plötzlicher Austritt von CO2 nicht weniger tödliche Risiken als die Explosion von Erdgasspeichern. Kohlendioxid ist zwar an sich nicht giftig. Natürlicherweise ist Kohlendioxid mit etwa 0,034 Prozent in unserer Atemluft enthalten. Hohe CO2-Konzentrationen jedoch sind tödlich für Mensch und Tier.

Gefährlich wird es, wenn große Mengen CO2 schlagartig freigesetzt werden. Obwohl sich das Gas normalerweise nach dem Austritt schnell verteilt, kann es sich in landschaftlichen Senken oder in abgeschlossenen Gebäuden anreichern, da Kohlendioxid schwerer ist als Luft. Langsamer und unbemerkter Austritt in Wohngebieten, beispielsweise in Kellern von Häusern, ist daher gleichfalls sehr gefährlich. Die Gefahren solcher Austritte sind bekannt von natürlichen vulkanischen CO2-Entgasungen. Ausgasungen am Kratersee Lake Nyos, im afrikanischen Kamerun, töteten 1986 mehr als 1.700 Menschen. In der Region von Lazio in Italien starben in den letzten zwanzig Jahren mindestens zehn Menschen durch CO2-Freisatz aus natürlichen CO2-Quellen vulkanischen Ursprungs.

Kohlendioxid vermeiden statt vergraben!

Die Verpressung von Kohlendioxid in den Untergrund wird den Strompreis verteuern. Wie hoch die Kosten ansteigen werden, ist abhängig von der Art der Abtrenntechnologie, der Länge der Transportwege und Art des Speichers. Da die Kohlekraftwerke in Deutschland nicht in der Nähe potentieller CO2-Speicher liegen, könnte die CO2-Abscheidung die heutigen Stromkosten durch längere Transportwege über Pipelines oder LKW sogar mehr als verdoppeln.

Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke produzieren etwa die Hälfte unseres Stromes, tragen aber massiv zur Klimazerstörung bei. Viele dieser Kraftwerke sind alt und müssen in den kommenden Jahren ersetzt werden. Erfolgt ihr Ersatz durch neue Kohlekraftwerke, führt dies zu weiterer Klimazerstörung. Auch die CO2-Abscheidung und -Speicherung ist da keine Hilfe. Besser also, wir setzen statt auf Kohle auf saubere Energieträger.

Dass Kohle klimafreundlich genutzt werden kann, ist ein Märchen. Die Industrie darf zukünftigen Generationen nicht einen Kohlendioxid-Abfall vererben, der aufwändig überwacht und gesichert werden muss. Anstatt Kohlendioxid erst zu erzeugen und dann irgendwo zu lagern, muss endlich die Erzeugung massiv verringert werden – durch verringerten Energieverbrauch / Effizienzsteigerung und den Ausbau Erneuerbarer Energien wie Sonne, Wind, Wasser und Erdwärme.

Fußnote

(1) Zum Vergleich: Derzeit stößt ein Steinkohlekraftwerk etwa 750 gCO2/kWh aus, ein modernes Erdgaskraftwerk 370 gCO2/kWh.

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